Tagebuch

 

 

Interreleiöser Gedenkgottesdienst
für die Opfer des Terrorsanschlages auf den Weihnachtsmarkt vom 19. Dezember
am 20. Dezemebr 2016 in der Gedächtniskirche

Rabbiner Nachama: "Wir stehen hier zusammen, damit die Welt in ihrem alltäglichen Kampf gegen Grausamkeit, Vorurteile uind Verfolgung aus dem Tod der unschluldigen Opfer Kraft schöpft für ein Leben in Frieden und gegenseitigem Respekt."

 

12.12.2016

Bundespräsident Joachim Gauck empfängt Präsidium des Deutschen Koordinierungsrates
Vergangene Woche empfing Bundespräsident Gauck im Schloss Bellevue, Berlin, Spitzenvertreter der Gesellschaften für Christlich-Jüdischen Zusammenarbeit in Deutschland.

Bei dem Gespräch mit dem Präsidium des in Bad Nauheim situierten Deutschen Koordinierungsrats (DKR) kam es zu einem intensiven Austausch über den Stand des christlich-jüdischen Dialogs und dessen künftige Herausforderungen.

Bundespräsident Gauck würdigte die Arbeit des DKR und seiner lokalen Mitgliedsvereinigungen als eine der ältesten zivilgesellschaftlichen Bürgerinitiativen in Deutschland. Die christlich-jüdische Zusammenarbeit habe ganz wesentlich zu besseren Beziehungen zu den Mitgliedern jüdischer Gemeinden beigetragen. Inzwischen gäbe es eine breite Front gegen Antisemitismus in Deutschland, zu dessen Bekämpfung allerdings auch ein breites gesellschaftliches Bündnis gefordert sei.

Der Bundespräsident, der auch Schirmherr der über 80 Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit ist, zeigte sich besonders interessiert an der Frage, wie die Erfahrungen und Einsichten des christlich-jüdischen Dialogs an die jüngere Generation weiter gegeben würden und nahm die entsprechenden Berichte des Präsidiums gern entgegen.

Im Gespräch wurde ebenfalls die Rolle des christlich-jüdischen Dialogs bei den Bemühungen, Religion als Sinnstiftung zu vermitteln, erörtert. Bundespräsident Gauck verwies darauf, dass in einer zunehmend säkularen Welt Menschen nach Orientierung hungrig wären. Die Vertreter des DKR verwiesen darauf, dass religiöse Werte und ethische Entscheidungen eine größere Resonanz in der Öffentlichkeit erführen, wenn sie gemeinsam von Juden und Christen vertreten würden.

Das Gespräch endete mit einem Dank des Bundespräsidenten an das DKR-Präsidium und alle Engagierten in der christlich-jüdischen Zusammenarbeit. Er wünschte allen daran Beteiligten viel Erfolg und ein fruchtbares weiteres Wirken zur Vertiefung der Beziehungen zwischen Juden und Christen in Deutschland

 

 

12.12.2016

Der Deutsche Koordinierungsrat der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit veranstaltete am 12. Dezember im Berliner Jüdischen Gemeindehaus seine jährliche Rabbiner-Brandt-Vorlesung zu Ehren des Vorsitzenden der ARK, Rabbiner Dr. h.c. Henry G. Brandt. Die nunmehr zehnte Vorlesung bestritt der Publizist und Buchautor Henryk M. Broder zum Thema "Wir tolerieren uns zu Tode". Das Gebot der Stunde, so Broder, heiße: "Intoleranz!".


Foto: Jüdische Gemeinde zu Berlin

 

5.12.2016

Die Geschichte Berlins ist auch immer eine Geschichte der Juden – ©2016 Berliner Zeitung
Andreas Nachama

Die jüdische Geschichte im Berliner Raum reicht bis in die Anfänge der Stadtgeschichte im 13. Jahrhundert zurück. 1244 wurde ein gewisser Jona auf dem Judenfriedhof von Spandau begraben – sein heute in der Zitadelle ausgestellter Grabstein ist nach der Urkunde von 1237, die Cölln an der Spree erstmals urkundlich erwähnt und auf das die Gründung Berlins zurückgerechnet wird, nur sieben Jahre jünger. Genaugenommen stammt die erste urkundliche Erwähnung Berlins auch aus dem Jahr 1244 – man könnte also sagen, jüdisches Leben in Berlin hat es von Anfang an gegeben.

Doch so einfach ist es nicht, denn es gab blutige Judenvertreibungen aus Berlin, und erst Jahrhunderte später, 1671, hat der große Kurfürst Friedrich Wilhelm nicht nur Holländer und Hugenotten nach Brandenburg eingeladen, sondern auch bis zu 50 aus Wien vertriebenen jüdischen Familien den Zuzug erlaubt.

Die Gründung der jüdischen Gemeinde
Das Gründungsdatum der Jüdischen Gemeinde wird auch auf 1671 bezogen, obwohl in diesem Ansiedlungsprivileg viel von wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, aber wenig von jüdischer Religionsausübung die Rede ist, ja den Juden sogar verboten wurde, eine Synagoge zu errichten.

Lediglich die Einrichtung eines Beerdigungsplatzes wurde ihnen erlaubt – das ist der von den Nazis zerstörte Friedhof in der großen Hamburger Straße mit dem Grabmal von Moses Mendelssohn. Erst 1714 wurde die erste Synagoge Berlins in der Heidereutergasse eingeweiht – noch heute kann man an der Rosenstraße hinter dem gewaltigen Neubau an der Spandauer Straße einige Fundamentreste und eine Erinnerungstafel an diesen barocken Prachtbau sehen, der in der „Kristallnacht“ 1938 im Besitz der Deutschen Post war und folglich nicht zerstört wurde, aber einem alliierten Luftangriff zum Opfer gefallen ist.

Moses Mendelssohn in Berlin
Moses Mendelssohn kam Mitte des 18. Jahrhunderts aus Dessau nach Berlin, um bei einem für damalige Verhältnisse bekannten Rabbiner zu lernen, wurde beruflich zunächst Buchhalter, aber historisch eingeordnet einer der markanten Philosophen der Berliner Aufklärung. Für die jüdische Geschichte Berlins ist er darüber hinaus einer der wichtigen Wegbereiter moderner jüdischer Glaubensausübung, übersetzte er doch erstmals Psalmen und die Fünf Bücher Moses für ein jüdisches Publikum ins Deutsche, was ihm über Jahrhunderte hinweg den Zorn jüdischer Traditionalisten einbrachte, die Übersetzungen der hebräischen Urfassung für Häresie hielten.

Für das 19. Jahrhundert stehen dann schon unendlich viele jüdische Biografien: Die Kinder und Enkel Mendelssohn, am bekanntesten der Komponist Felix Mendelssohn Bartholdy; Giacomo Meyerbeer, bedeutender Opern-Komponist und Dirigent, aber auch Rabbiner wie Abraham Geiger, der 1870 zu den Gründern der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums gehörte, bis zu seinem Tod 1874 dort auch lehrte und heute der Namenspatron für die seit dem Jahr 2000 in Potsdam beheimatete Rabbinerausbildungsstätte ist.

 

8.12.2016

Abschied von Lilli Nachama
Die Witwe des ehemaligen Oberkantors Estrongo Nachama starb im Alter von 94 Jahren
Christine Schmitt

Am Dienstagnachmittag ist Lilli Nachama auf dem jüdischen Friedhof Heerstraße beigesetzt worden. Mehr als 100 Trauernde kamen zu ihrer Beerdigung, darunter auch der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Gideon Joffe, zahlreiche Rabbiner, viele Freunde und Weggefährten. Auch ein Mitarbeiter des Cafés im Hotel Kempinski kam zur Trauerfeier.

Gemeinderabbiner Jonah Sievers ließ noch einmal Lilli Nachamas Leben Revue passieren und sprach das Kaddisch. Sie liegt nun neben ihrem Mann, dem ehemaligen Oberkantor Estrongo Nachama, der vor 16 Jahren starb. »Der Nieselregen passt zu meiner Trauer«, sagte Inge Robert, die viele Jahre lang mit Lilli Nachama befreundet war.
Familie Lilli Nachama starb am vergangenen Freitag in Berlin. »Eine Zeugin des 20. Jahrhunderts ist nach einem langen und aufregenden Leben in ihre Welt gegangen«, hieß es in der Todesanzeige, die die Familie Nachama am Sonntag im Berliner Tagesspiegel veröffentlichte.

Als Lilli Schlochauer wurde sie am 5. Juli 1922 in Berlin geboren. Nach der Machtübernahme durch die Nazis besuchte sie die jüdische Zickel-Schule. Schon früh verlor sie ihre Mutter, etwas später auch ihren Vater, woraufhin Lilli zu einer christlichen Tante kam. Agnes Wertheim, die Ehefrau des Kaufhausbesitzers, versteckte sie von Februar 1943 bis 1945. So überlebte Lilli die Schoa.

»Alle kennen sie als blonde Dame, doch in Wirklichkeit hatte sie dunkle Haare«, sagt ihr Sohn Andreas Nachama. Denn damals, als sie untergetaucht leben musste, färbte sie ihre Haare zum Schutz. Sie bechrieb das immer mit den Worten: »Ich habe mich ›aufgenordet‹«. Dabei ist es geblieben, denn das war von da an ihre Identität, und so kannte jeder Lilli Nachama.

In der Nachkriegszeit lernte sie den griechischen Kantor Estrongo Nachama kennen, der sich in Berlin niedergelassen hatte. Er wurde Kantor in der Synagoge Pestalozzistraße und von dort aus für seine Baritonstimme und seiner Musikalität berühmt.

Ost-Berlin Mit ihrem Mann, den sie erst viele Jahre später geheiratet hat und mit dem sie ihren Sohn Andreas aufzog, konnte die Familie auch leicht zu Besuchen der Jüdischen Gemeinde ins damalige Ost-Berlin reisen, denn Kantor Estrongo Nachama hatte seinen griechischen Pass behalten. Andreas Nachama, Rabbiner und Direktor der Gedenkstätte Topographie des Terrors, erinnert sich noch gerne an die Nachmittage in Weißensee, wo die ganze Familie Rabbiner Martin Riesenburger besuchte.

Die beiden Damen tranken Kaffee, während die Herren sangen und musizierten. Der Flügel des Rabbiners steht heute noch in Nachamas Wohnung. Lilli Nachama las regelmäßig die Zeitung, versäumte über Jahrzehnte keine Repräsentantenversammlung und hörte gerne Musik. Sie besuchte Konzerte und genoss es, sich mit ihrer Freundin Inge Robert mehrmals in der Woche im Café des Hotels Kempinski zu treffen. Immer am gleichen Tisch und immer zur gleichen Uhrzeit. Das war ihr Ritual.

»Nach dem Krieg hatte sie ein schönes Leben«, sagt Inge Robert. Sie sei immer freundlich und fröhlich gewesen.
In den letzten Jahren war sie Beterin bei Sukkat Schalom in der Herbartstraße. Lilli Nachama überreichte außerdem regelmäßig den Estrongo-Nachama-Preis für Toleranz und Zivilcourage, der von der Meridian-Stiftung ausgelobt wird, an den jeweiligen Preisträger.

 

9.11.2016
"Wir inszenieren keine Geschichte"

[....] 2010 endete die Zeit der Irrungen und Wirrungen. Martin Gressmann war vor Ort, als das endlich gebaute Dokumentationszentrum zur "Topographie des Terrors" eröffnet wurde – vom damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler und Direktor Andreas Nachama. Die Macher mögen es schlicht und sachlich: Anstelle von Zumthors Türmen steht jetzt ein transparenter Flachbau.
Museumsdirektor Nachama ist wichtig, dass man von jedem Punkt der Ausstellung aus nach draußen schauen kann: "Das Gelände ist das erste Exponat geblieben", sagt er. "Man ist nicht in einer Blackbox drin. Wir inszenieren keine Geschichte, sondern die Geschichte und auch die Gegenwart sind die Folie, vor der wir unsere Dokumentation platzieren."

 

Cantor Rebecca Garfein über Estrongo Nachama am 7.11.2016 in Reform Judaism:
"... The memorial service held outside the Gemeindehaus was visually stunning and memorable. I was deeply moved to hear the sonorous bass-baritone voice of Oberkantor Estrongo Nachama – originally from Thessaloniki, Greece, and a survivor of Auschwitz – chant the Eyl Maleh Rachamim (the memorial prayer) as the enormous memorial outside the Gemeindehaus was lit up by the giant memorial candles that adorned the monument. ..."

 

7.10.2016
Jüdischer Friedhof Heerstraße : NSU könnte für Anschläge in Berlin verantwortlich sein

Der jüdische Friedhof Heerstraße stand auf einer Adressliste der Terrorzelle NSU. Der frühere Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde fordert Beate Zschäpe danach zu befragen.
Frank Jansen
Die Anschläge auf den jüdischen Friedhof an der Heerstraße in Charlottenburg sind lange her, doch Andreas Nachama klingt noch heute erschüttert. „Mich hat maßlos deprimiert, dass es Menschen gibt, die nicht einmal die Totenruhe respektieren können“, sagt der Direktor der Stiftung Topographie des Terrors und frühere Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin.

1998 explodierten an der Grabstätte von Heinz Galinski , dem ehemaligen Präsidenten des Zentralrats der Juden, zwei Sprengsätze. Vor allem der zweite richtete großen Schaden an, die massive Grabplatte zerbrach in mehrere Teile. 2002 folgte der nächste Angriff. Eine unbekannte Person warf eine Rohrbombe in den Eingangsbereich, die Fenster der Trauerhalle zersplitterten.

Die Anschläge beschäftigen Nachama auch jetzt noch , weil nie ein Täter ermittelt wurde. Außerdem verstärkt sich nun ein Verdacht, der erstmals 2011 aufkam: Für die Angriffe auf den Friedhof könnte die Terrorzelle NSU verantwortlich sein . In einem Vermerk des Bundeskriminalamts vom 25. April 2012 heißt es, „die Anschrift der jüdischen Gemeinde Berlin“ in der Heerstraße sei in der Adressliste „aus dem Wohnobjekt Zwickau verzeichnet“. […]

"Sehr dringlich, da Licht reinzubringen“
Für Andreas Nachama gibt es Gründe genug, die Richter im NSU-Prozess aufzufordern , Zschäpe zu möglichen Aktivitäten des NSU in Berlin zu befragen. Für ihn ist es „sehr dringlich, da Licht reinzubringen“. Auch wenn bekannt ist, dass Zschäpes Äußerungen im Prozess nur bedingt glaubwürdig erscheinen, hält es Nachama für unverzichtbar, wenigstens eine Befragung der Angeklagten zum Thema Berlin zu versuchen. Dafür kommen nur die Richter, genauer: der Vorsitzende Manfred Götzl in Betracht. […]
Dass Götzl nun den Appell Nachamas erhört und Zschäpe zu Berlin befragt, ist allerdings unwahrscheinlich. Erst müsste eine Prozesspartei das Thema vorbringen . Dazu wären offenbar Opferanwälte bereit. In ihren Reihen wird Nachamas Appell begrüßt.

 

8.10,2016
Terrorgruppe
NSU schlug möglicherweise auch in Berlin zu
Das NSU-Trio zog jahrelang mordend durch Deutschland. Nun führt eine neue Spur offenbar auch nach Berlin.

Der Direktor der Stiftung Topographie des Terrors und langjährige Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, Andreas Nachama, hat angesichts der neuen Erkenntnisse Konsequenzen gefordert. "Wenn die Adresse des Friedhofs tatsächlich im Schutt der Zschäpe-Wohnung gefunden wurde, hätten die Ermittlungen längst wieder aufgenommen werden müssen", sagte Nachama der Berliner Morgenpost. Zudem sei es wünschenswert, im Rahmen des Prozesses auch Beate Zschäpe zu den Anschlägen zu befragen. Sie hat sich bisher allerdings zu keinem der Vorwürfe geäußert.

 

11.10.2016

NSU-Prozess : Ex-Polizist soll rasch zu möglichen NSU-Anschlägen in Berlin aussagen

Haben Beate Zschäpe und Uwe Mundlos die Synagoge in der Berliner Rykestraße als Anschlagsziel ausgespäht? Im NSU-Prozess will das Gericht überraschend schnell einen Augenzeugen dazu hören.
Frank Jansen

[….] Der frühere Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Andreas Nachama, appellierte vergangene Woche an Richter Götzl, Beate Zschäpe zu möglichen Aktivitäten des NSU in Berlin zu befragen. „Ich halte es für sehr dringlich, da Licht reinzubringen“, sagte Nachama, der heute in Berlin die Stiftung Topographie des Terrors leitet, dem Tagesspiegel. Der Verdacht, der NSU könnte mit den drei Anschlägen auf den Friedhof zu tun haben, wird zudem durch ein Indiz gestützt. Im Brandschutt der von Zschäpe angezündeten Wohnung in Zwickau fand die Polizei eine Adressenliste, auf der auch die Anschrift des jüdischen Friedhofs in Charlottenburg verzeichnet ist.

 

28.09.2016

Der andere Aspekt des Holocausts
Die Stiftung Topographie des Terrors zeigt eine neue Sonderausstellung
[…] Auch der Direktor der Stiftung Topographie des Terrors, Andreas Nachama, erläutert die Notwendigkeit, »den anderen Aspekt des Holocausts«, nämlich den jenseits von Auschwitz, zu veranschaulichen. »Dieses Thema hat heute eine Aktualität, die wir nicht vermutet hätten. Es ist eben nicht nur ein historischer Tatbestand«, erklärt Nachama und verweist auf aktuelle Ereignisse weltweit.

 

Interreligiöses Projekt in Berlin-Mitte :
Die Initiatoren des "House of One" sind optimistisch

Mit dem Drei-Religionen-Projekt „House of One“ am Ort der verschwundenen Petrikirche in Mitte geht es eigentlich voran. Doch die Anwohner wollen Fortschritte sehen.
Thomas Lackmann

[…] Einen weiteren Pluralismus-Aspekt unterstreicht Rabbiner Nachama: Die Moschee baue man nicht für sunnitische Gülen-Leute, den Kirchenraum nicht für liberale Lutheraner, die Synagoge nicht für liberale Juden wie ihn. Irgendwann werde vielleicht eine „superorthodoxe Truppe“ mitmachen, für die habe man in der Synagoge optional Trennschirme zwischen Männer- und Frauen-Bereich anzubieten; die Bima, das Podium zur Thora-Lesung, solle für andere liturgische Traditionen zerlegbar und mobil sein. „Pluralität entwickelt sich durchs Routieren!“ Nachamas Sorge ist: Wie man den Einfluss der Politik aus dem Projekt heraushält. Als nächste, größte Aufgabe begreift er die Definition eines inspirativ anmutenden, bezahlbaren und provisorisch nutzbaren ersten Bauabschnitts.

 

19.10.2016

Holocaust : Überlebende und Politiker erinnern an den Beginn der Deportationen © Berliner Zeitung 2016
Uwe Aulich
Erst in den vergangenen Jahren wurde durch neuere Forschungen belegt, dass nicht Grunewald, sondern der damalige Güterbahnhof Moabit der größte Deportationsbahnhof der Stadt war. Wie Nachama sagt, wurden ab dem Frühjahr 1942 von Moabit aus mehr als 30.000 Juden deportiert. Der Grund: Der Weg von der Synagoge in der Levetzowstraße, die die Nazis zur „Sammelstelle“ für Berliner Juden umfunktioniert hatten, war zum Güterbahnhof Moabit nur zwei Kilometer lang, nach Grunewald waren es acht Kilometer. Auch in Moabit entsteht jetzt ein Gedenkort.
Quelle: http://www.berliner-zeitung.de/24943324 ©2016

 

28.10.2016
NSU – Auch Juden im Visier
Hinweise verdichten sich, dass das rechtsextremistische Trio antisemitische Anschläge plante und verübte…

Ralf Balke
[…] Für Andreas Nachama, den früheren Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, offenbart sich damit eine neue Dimension im rechten NSU-Terror. »Ich halte es für sehr dringlich, da Licht reinzubringen«, sagte er mit Hinweis auf die noch offenen Fälle in der Hauptstadt.
Und auch ein weiterer bis dato ungeklärter antisemitischer Vorfall könnte vielleicht erneut zur Sprache kommen: der Rohrbombenanschlag vom Düsseldorfer S-Bahnhof Wehrhahn vom Juli 2000, bei dem zehn jüdische Zuwanderer aus der Ex-UdSSR teils schwer verletzt wurden und eine schwangere Frau ihr Baby verloren hatte. Denn auch der NSU bastelte Sprengkörper dieser Bauart. Die zeitliche Nähe würde passen.

 

1. August 2016
Ehrenbesuch im Dokumentationszentrum
Niederschöneweide. Hoher Besuch im Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit an der Britzer Straße. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier besuchte gemeinsam mit dem Bundestagsabgeordneten Matthias Schmidt (beide SPD) das frühere Zwangsarbeiterlager.


Frank-Walter Steinmeier hier gemeinsam mit Andreas Nachama und Christine Glauning von der Stiftung Topographie des Terrors. (Foto: Stiftung Topographie des Terrors)

 

14.07.2016
Nachrichten / Glaube, Liebe, Hoffnung
Jüdisch-christliche Doppelspitze übernimmt Leitung des Gesprächskreises "Juden und Christen" beim ZdK
(Bonn/zdk) - Der Gesprächskreis "Juden und Christen" beim ZdK, einzigartiges Gremium, in dem Juden und Katholiken in kontinuierlichem Austausch stehen und zu grundlegenden und aktuellen theologischen Themen gemeinsam Stellung nehmen, verabschiedet seinen langjährigen Vorsitzenden Prof. Dr. Hanspeter Heinz (Augsburg).

[…] Professor Heinz, der den Vorsitz des Gesprächskreises seit 1974 inne hatte, hat am Montag, den 11. Juli 2016, die Leitung an Dagmar Mensink, Mitglied des ZdK (Frankfurt) und Rabbiner Prof. Dr. Andreas Nachama, Direktor der Stiftung Topographie des Terrors (Berlin) übergeben. Der seit 45 Jahren bestehende Gesprächskreis wird erstmalig von einer jüdisch-christlichen Doppelspitze geleitet. Das Präsidium des ZdK begrüßt den Wechsel und die strukturelle Veränderung hin zur offiziellen gemeinsamen Leitung durch eine katholische Theologin und einen jüdischen Theologen ausdrücklich und dankt Prof. Dr. Hanspeter Heinz gleichermaßen für sein rund 40-jähriges Engagement im jüdisch-christlichen Dialog. […]

 

30.06.2016

Sozialstaat
Der Mühe Lohn
Das bedingungslose Grundeinkommen widerspricht der jüdischen Tradition
Rabbiner Andreas Nachama

Sechs Tage sollst du arbeiten und all deine Geschäfte verrichten, am siebenten Tag aber sollst du ruhen« – aus dem biblischen Schöpfungsbericht geht eindeutig hervor, dass die Ruhe am letzten Tag der Woche nicht »unverdient« ist. Doch wie passt dieser Bericht zu Forderungen nach einem bedingungslosen Grundeinkommen, die auch von Juden gelegentlich erhoben werden?

Die allgemeine Diskussion über dieses Thema wurde in Deutschland nicht zuletzt durch die jüngste Volksabstimmung in der Schweiz befeuert. Doch in gewisser Weise gibt es dieses Grundeinkommen für Bürger dieses Landes im Rahmen der als »Hartz IV« bezeichneten Sozialgesetze schon längst – und auch für Flüchtlinge, selbst wenn sie aus einem sicheren Drittstaat einreisen. Die einzige Bedingung ist, dass derjenige, der diese Leistungen beziehen will oder muss, einige bürokratische Hürden zu überwinden hat.

Doch würde ein bedingungsloses Grundeinkommen per se eingeführt, dann könnte uns der gleitende Übergang vom Abitur ins Rentenalter blühen. Arbeit wäre dann wie Freizeitbeschäftigung eine Option, aber kein »Muss«. Mit dieser Arbeit würde man sein eigenes Grundeinkommen ein wenig aufbessern können, aber im Wesentlichen doch dafür tätig sein, dass andere in den Genuss des Grundeinkommens gelangen. Ganz abgesehen von der Frage, ob ein Staat sich das leisten kann – wie sollte eine jüdische Position in diesem Zusammenhang aussehen?

Garten Eden Noch vor der Vertreibung aus dem Paradies heißt es in der Tora: »Gott nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, ihn zu bearbeiten und zu warten« (1. Buch Mose 2,15). Arbeit ist also dem biblischen Schöpfungsbericht zufolge keine Folge des Sündenfalls, sondern göttliche Aufgabe für das menschliche Sein – auch im Gan Eden. Einige Rabbiner interpretieren die menschliche Arbeit gerne so: Der Mensch ist Gottes Gehilfe bei der Pflege und Vollendung der Schöpfung. Aber nicht 24 Stunden und sieben Tage die Woche, sondern: »Sechs Tage sollst du arbeiten und all deine Geschäfte verrichten, am siebenten Tag aber sollst du ruhen.«

Sozialgesetzbuch
Doch die Bibel ist nicht nur eine Arbeitsordnung, sondern auch das erste Sozialgesetzbuch. Abgesehen davon, dass auch Magd, Knecht, Tochter, Sohn oder Tier am Schabbat nicht schaffen sollen, stehen besonders Witwen, Waisen und Fremde unter kollektivem Schutz. Für Witwen und Waisen sieht die Bibel die »Pea«, die nicht abzuerntende Felddecke beziehungsweise das Vorhalten der Nachlese von Früchten vor. Es wird ihnen nicht als Almosen zugeworfen, sondern sie erarbeiten sich in einem Schutzraum ihren Lebensunterhalt. Im Mittelalter hat sich in Anlehnung daran eine jüdische Sozialkasse, Zedaka genannt, entwickelt.

Leviten und Priester taten eine besondere Arbeit für alle Israeliten: »Awodat hakodesch«, heilige Arbeiten im Tempel, solange er bestand. Priestern und Leviten, die keine materiell produktiven Arbeiten verrichteten, wurde durch steuerliche Umlagen aller Israeliten ein auskömmliches Leben gesichert. Materielle Arbeit ist in der Bibel also keine Bedingung für ein auskömmliches Leben.

Senioren Auch Senioren, die weder ein reguläres Einkommen haben noch in der Lage wären, wie Witwen oder Waisen die Nachlese zu halten, bleiben nicht dem Elend überlassen. Das biblische Gebot, Vater und Mutter zu ehren, damit man selbst ein langes Leben habe, stellt die Alten unter besonderen Schutz. Ebenso ist es kein Zufall, dass die Siknej Israel, die Ältesten Israels, als besondere Entscheider angesehen werden – möglicherweise zu einer Zeit, wo sie zu materieller Arbeit nicht mehr fähig waren.

In allen Epochen gab es jüdische Gelehrte, oft Rabbiner, die nicht von ihrer Hände Arbeit lebten. Arm sein ist, wie der Milchmann Tewje aus Anatevka singt, keine Schande, aber auch keine besondere Ehre. Der Talmud (Berachot 8a) sagt: »Derjenige, der von seiner Hände Arbeit lebt, steht höher als der Fromme.« Was in messianischen Zeiten passieren wird, ist allerdings offen. Gibt es dann noch Arbeit, wird sie wohl ein freudiger Spaß sein. Doch bis dahin soll als jüdische Position gelten: Einkommen ist nicht bedingungslos!

 

02.06.2016
Ruine am Tacheles
Archäologen haben Reste der Reformsynagoge freigelegt. Wie geht es weiter?
Katrin Richter und Katharina Schmidt-Hirschfelder

[…]Nach dem Krieg wurden die Ruinen der Reformsynagoge abgetragen. »Das Gebäude der Synagoge stand noch nach dem Krieg und ist – wie so vieles – zu DDR-Zeiten abgerissen worden«, sagt Rabbiner Andreas Nachama von der Synagogengemeinde Sukkat Schalom, die sich laut Nachama in der Nachfolge der Reformgemeinde sieht. […]

Rabbiner Andreas Nachama sagte der Jüdischen Allgemeinen, es sei »der Wunsch, dass die Bodenfunde, die es gibt, so ähnlich behandelt werden wie die Funde am Petriplatz, auf dem das ›House of One‹ entstehen wird«. Diese Funde würden unter Bodendenkmalschutz gestellt, erläutert Nachama. »Würden die Funde überspannt werden, wäre es ein Wunsch, dass im Kellergewölbe eine kleine Synagoge entstehen könnte.« […]

1854 wurde die Synagoge des Architekten Gustav Stier eröffnet und war über 80 Jahre Gotteshaus der Reformgemeinde. Auch wegen dieser starken historischen Verankerung fände es Rabbiner Nachama »gut, wenn man die Funde im Boden beließe, denn wenn man einmal Dinge aus dem Boden entfernt, dann sind sie weg«. Überreste seien »an dem Ort, an dem sie sind, von Bedeutung. Wenn man sie dort wegnimmt, geht die Bedeutung verloren«. [...]

 

26.05.2016
»Respektvoller Umgang«
Rabbiner Andreas Nachama über sein neues Präsidentenamt im christlich-jüdischen Dialog

Ayala Goldmann
Herr Rabbiner Nachama, Sie sind am Wochenende in Bonn zum neuen jüdischen Präsidenten des Koordinierungsrates der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit gewählt worden. Was bedeutet Ihnen dieses Amt?
Es ist sehr stark geprägt von meinem Vorgänger Henry G. Brandt, der dieses Amt als jüdischer Präsident 31 Jahre lang innehatte, und zwar durch den christlich-jüdischen Dialog, der einen großen Schwerpunkt auf die biblischen Schriften gelegt hat. Daran will ich anknüpfen. Meine eigene Erfahrung ist, dass dieser christlich-jüdische Dialog am besten funktioniert, wenn er sich mit unterschiedlichen Interpretationsweisen einzelner biblischer Sätze oder Geschichten auseinandersetzt – also dass man Antworten auf die Fragen erfährt: Wo steht der andere, und wo stehen wir? Was ist das Gemeinsame, was das Trennende? Dieser respektvolle Umgang miteinander, das ist für mich christlich-jüdischer Dialog.

Gibt es etwas, das Sie anders machen würden als Ihr Amtsvorgänger?
Nein, das sehe ich nicht.

Bedeutet Rabbiner Brandts Rückzug tatsächlich, wie der Koordinierungsrat es genannt hat, das »Ende einer Ära«?
Ja, auf jeden Fall. Henry G. Brandt hat die Arbeit jahrzehntelang geprägt. Als Ehrenvorsitzender steht er uns mit seinem Rat und seinen Erfahrungen weiterhin zur Verfügung. Das ist für uns sehr wichtig.

Wie steht es Ihrer Meinung nach heute um den christlich-jüdischen Dialog?
Er ist nach wie vor respektvoll, obwohl er auch von Kontroversen gekennzeichnet ist. Aber das ist okay, denn es geht ja nicht darum, einen gemeinsamen Glauben zu schaffen. Es gibt dabei auch eine politische Dimension: In dieser Woche war Verfassungstag – am 23. Mai 1949 ist das Grundgesetz in Kraft getreten. Und der christlich-jüdische Dialog ist sozusagen ein ungeschriebener Artikel unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Man kann ihn nicht den Kirchen überlassen, das zeigen die Auseinandersetzung um die Karfreitagsfürbitte und die möglicherweise drohende Wiederaufnahme der Piusbrüderschaft in die katholische Kirche. Problematisch sind auch die Debatte um den evangelischen Theologen Notger Slenczka und die Rolle des »Alten Testaments«, oder von einzelnen Landeskirchen benannte Vertreter für Religionsdialog, die mal eben die Schoa und das Leid der Palästinenser gleichsetzen.

Welche Bedeutung haben die Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit im gesellschaftlichen Diskurs?
Sie sind sozusagen die erste Bürgerinitiative Deutschlands, und an dieser Stelle müssen wir ansetzen. Die »Woche der Brüderlichkeit« als Kernpunkt unserer Arbeit wird öffentlich stark wahrgenommen. In den vergangenen Jahren wurde immer wieder darüber diskutiert, ob wir das eigentlich noch brauchen. Aber gerade die genannten Probleme zeigen, wie dringlich und notwendig dieser Dialog auch heute ist.

Werden sich die Gesellschaften verändern, vielleicht auch verjüngen?
Sie haben sich über die Jahre hinweg immer verjüngt – vor 31 Jahren war der Altersdurchschnitt nicht höher als heute. Um den christlich-jüdischen Dialog in einer Intensität führen zu können, wie es die Gesellschaften machen, braucht man Zeit. Viele, die ihr aktives Berufsleben hinter sich lassen, haben dafür mehr Zeit.

Sie sind in Berlin im Drei-Religionen-Projekt »House of One« aktiv. Wollen Sie die Gesellschaften auch für den Dialog mit dem Islam öffnen?
Einige Gesellschaften tun das bereits, das wird sich immer wieder in einzelnen Punkten ergeben. Aber der christlich-jüdische Dialog ist nach wie vor etwas Besonderes.

Sie sind Historiker, Direktor der »Topographie des Terrors« und Rabbiner der Synagogengemeinde »Sukkat Schalom« in Berlin. Haben Sie denn auch Zeit für Ihr neues Amt?
Ich war ja bisher schon im Vorstand des Koordinierungsrates. Wie sagt man? Ich arbeite 24 Stunden am Tag. Wenn das nicht reicht, nehme ich die Nacht noch dazu.

 

27. Juni 2016

Charlottenburg : Andreas Nachama spricht bei „Plötzenseer Abend“
Zum Thema „Erinnern – ein Biblisches Gebot. Jüdische Versuche einer Erinnerungskultur nach der Schoa“ hält der Rabbiner Andreas Nachama am 30. Juni einen Vortrag im Gedenkzentrum Plötzensee.

[...] Nachama ist seit 2016 jüdischer Präsident des Deutschen Koordinierungsrates der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Deutschland. Bekannt ist er vor allem als Direktor der Stiftung Topographie des Terrors und früherer Vorstandsvorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. CD

 

25.05.2016
Zusammen tolerant
Multireligiöser Schüler-Gottesdienst in Berlin wirbt für Friedenslauf
Jérôme Lombard
Schalom, Salam und Friede sei mit euch! Die Schüler, die am Mittwoch zum multireligiösen Gottesdienst in die altehrwürdige Marienkirche in Berlin-Mitte gekommen waren, wurden mit den Friedensgrüßen der drei großen Religionen empfangen. Selbstverständlich gesprochen von einem Rabbiner, einem Pfarrer und eigentlich auch von einem Imam.
[…] »Ich sehe unsere Veranstaltung als eine gute Form der Friedenserziehung. Wenn man sich in die Rolle des anderen hineinversetzt, können Vorurteile abgebaut werden«, erklärte Rabbiner Andreas Nachama. […]

Presse- und Informationsamt der Bundesregierung | 10. März 2016 | Pressemitteilung:  69 Ausgabejahr:  2016


10. März 2016 Staatsministerin Monika Grütters mit den Mitgliedern der Ständigen Konferenz im Bundeskanzleramt,
Andreas Nachama 1. v. r.

Kulturstaatsministerin Monika Grütters hat am heutigen Donnerstag anlässlich des fünfjährigen Bestehens der „Ständigen Konferenz der Leiter der NS-Gedenkorte im Berliner Raum“ (StäKo) deren Mitglieder zu einem Gespräch in das Bundeskanzleramt eingeladen. Monika Grütters erklärte: „Die auf Initiative meines Hauses eingerichtete Ständige Konferenz hat wesentlich dazu beigetragen, die bundesgeförderten NS-Gedenkorte im Raum Berlin besser zu vernetzen und ihre Arbeit öffentlich sichtbarer machen. Die jährlichen Gedenkveranstaltungen am Mahnmal ‚Gleis 17‘ am Berliner Bahnhof Grunewald, die Tafelausstellung am Pariser Platz zum Vernichtungskrieg in Polen und die regelmäßigen Gedenktage an der Rosenstraße sind ein eindrucksvoller Beleg für die engagierte und fachlich hervorragende Zusammenarbeit der ‚StäKo‘.“ mehr

 

28.04.2016  
Neue Berliner Ausstellung mit Lenin-Kopf
Zitadelle Spandau zeigt 100 vergessene Denkmäler

Der Spandauer Stadtrat Gerhard Hanke (CDU) lobt die Zusammenarbeit mit dem wissenschaftlichen Beirat. Beiratsmitglied Andreas Nachama lobt zurück: Die Politik habe sich nicht eingemischt. Mit größerem zeitlichen Abstand werde es leichter, mit politisch geprägter Kunst umzugehen.

 

27.04.2016
Ausstellung "Enthüllt. Berlin und seine Denkmäler"

Eine neue Ausstellung in Berlin zeigt Denkmäler, die vom Sockel gestürzt wurden. Andreas Nachama, Direktor der Stiftung Topographie des Terrors, sagte im DLF, dass solche politisch motivierte Kunst Regime stabilisieren solle. Manche Denkmäler könne man beseitigen, andere - wie die Pyramiden - nie mehr. Zudem sage der Zustand von erhaltenen Denkmälern viel über die nachfolgenden Generationen aus.

Andreas Nachama im Gespräch mit Maya Ellmenreich
[…]Herr Nachama, bekanntestes Ausstellungsstück ist vielleicht der riesige Granitkopf eines Lenin-Denkmals, das nach dem Mauerfall zerlegt und verbuddelt worden war. Ist das ein klassisches Beispiel für ein entsorgtes Berliner Denkmal, an dessen Geschichte man nicht mehr erinnert werden möchte?
Andreas Nachama: Ich würde schon sagen, das ist ein sehr gutes Beispiel, wobei einem in dieser großen hohen Halle dieses ehemaligen Magazins einer Festung dieser Kopf gar nicht so groß erscheint. Das ist ganz merkwürdig, er liegt da auf der Seite. Ich stand vor ihm heute und dachte mir, ja, warum hat man vor so einem Denkmal eigentlich eine so große Sorge gehabt, dass man es vergraben musste. Aber so ist das mit gefallenen Denkmalen.
Ellmenreich: Welche Erklärung haben Sie dafür, dass man so eine Angst hat?
Nachama: Das ist ja etwas, was politisch motivierter Kunst - und als solches muss man ja die meisten Denkmale einschätzen - eben anhaftet. Sie werden in bestimmten politischen Situationen errichtet, um das jeweilige Regime oder die jeweilige Staatsform als stabilisierende Wirkung auszustrahlen. Und ist dann auf einmal Berlin nicht mehr preußische Haupt- und Residenzstadt, oder ist dann Berlin nicht mehr Hauptstadt der DDR, dann passt das denjenigen, die das vorher ja gar nicht zu verantworten hatten, nicht mehr in den Kram und dann werden die Denkmäler eben gestürzt, und das sieht man in Osteuropa noch viel deutlicher als bei uns, aber man sieht es eben auch bei uns.

"Interessante historische Dokumente"
Ellmenreich:
Sind entsorgte Denkmäler, wenn ich Sie richtig verstehe, immer historische Zeugnisse in doppelter Hinsicht? Sie geben zum einen Auskunft über die Zeit ihrer Entstehung und sie geben zum anderen auch immer Auskunft über diese spätere Auseinandersetzung mit der Entstehungszeit, die ich jetzt einfach mal als unsouverän beschreiben würde?
Nachama: Ja. Das sind ganz interessante historische Dokumente. Deshalb beschäftige ich mich ja als Zeithistoriker auch damit. Und sie geben einen Einblick in unser Denken, aber sie geben natürlich auch einen Einblick in das Denken vergangener Zeiten. Und es gibt natürlich Denkmale dieser Art, die gar nicht beseitigt werden können. Ich denke zum Beispiel an die Pyramiden. Die sind so groß, die bleiben dann immer für alle Zeiten stehen und können sogar aus dem Weltraum gesehen werden. Man sieht: Das ist etwas, das bleibt.
Ellmenreich: Materialisierte Macht von früher?
Nachama: Ja, materialisierte Macht. Günter Kunert, ein Autor, der in der DDR gelebt hat und mit Biermann zusammen aus der DDR weggegangen ist, hat das mal in einem Poem gesagt. Die abgeschlagenen Köpfe der Statuen beweisen nicht das Vergessen. Gelöschte Inschriften sind unbesieglich, und da sehen sie sozusagen die Macht drin.
Ellmenreich: Aus einem Denkmal von damals kann eigentlich, so machen wir es heutzutage vielleicht eher, später ein Mahnmal werden?
Nachama: Ja, ein Mahnmal und ein historisches Dokument. Wenn man sich die ganzen Kurfürsten, die Friedrichs und Friedrich Wilhelms anguckt, wenn man sieht, wie mit ihnen umgegangen worden ist, da ist eine Nase abgeschlagen, da eine Hand, dann sagt das natürlich auch viel über die Zeit nach ihnen, vielleicht sogar mehr, als man sich das gemeinhin klarmacht.

"Interessant, Denkmälern auf Augenhöhe zu begegnen"
Ellmenreich:
Die Ausstellung, die heute Abend eröffnet wird, die umspannt ja einen Zeitraum vom 18. Jahrhundert bis zum Mauerfall. Welche Epoche war da besonders ergiebig für diese neue Ausstellung? Denkmäler welcher Zeit hat man später gerne aus der Öffentlichkeit entsorgt?
Nachama: Ich glaube, das 19. Jahrhundert ist das ganz große. Die große Zahl der Denkmale, die da weggerissen wurden, stammt aus dieser Zeit, und da ist ganz interessant, ihnen auf Augenhöhe zu begegnen, weil ja viele ihrer Sockel beraubt sind, und dadurch steht man auf einmal Kopf vor Kopf.
Ellmenreich: Wie hat sich unser Umgang mit Denkmälern früherer Zeiten denn vielleicht verändert? Ist es überhaupt noch denkbar, dass heute auch Denkmäler aus dem öffentlichen Raum entfernt werden?
Nachama: In einem System ist das, glaube ich, nicht denkbar. Aber in dem Augenblick, wo es wieder zu einer radikalen Veränderung kommt - und Historiker wissen, dass alles immer irgendwann sich verändert -, dann kann das durchaus kommen, dass Denkmäler wieder abgeräumt werden. Wer hätte das in Osteuropa vor 50 Jahren für möglich gehalten, dass die ganzen Lenins spurlos verschwinden.

 

8.3.2016
»Woche der Brüderlichkeit«
Gemeinsam für Integration
Bischöfe und Rabbiner werben für Eingliederung von Flüchtlingen – Warnungen vor Antisemitismus

Repräsentanten des Christentums und des Judentums wollen sich gemeinsam gegen Fremdenhass und für die Integration von Flüchtlingen, zugleich aber auch gegen Antisemitismus einsetzen.

Das erklärten evangelische und katholische Kirchenvertreter und Mitglieder der Allgemeinen und der Orthodoxen Rabbinerkonferenz am Montagabend in Hannover bei einer öffentlichen Veranstaltung zur »Woche der Brüderlichkeit«. Zuvor hatten die Rabbiner und Bischöfe mehrere Stunden intern zum Thema Integration beraten.
[..] Der Berliner Rabbiner Andreas Nachama erinnerte an den Zuzug der Hugenotten nach Deutschland im 17. Jahrhundert und die jüdische Einwanderung nach Israel. Integration sei keine neue Herausforderung: »Jüdische Gemeinden weltweit haben große Erfahrung beim Thema Integration, denn Juden wurden und werden immer wieder aus ihren Heimatländern vertrieben«, sagte er.

Nachama warnte davor, heutigen Flüchtlingen aus arabischen Ländern »eben mal so generell Antisemitismus oder antichristliche Haltungen zu unterstellen«. Dies könne eine unzulässige Verallgemeinerung sein. Er schlug zudem vor, in mehreren Flüchtlingsheimen eine repräsentative Erhebung zu erstellen, um zu überprüfen, ob diese Haltungen tatsächlich vorhanden seien - bei »fünf oder 50 Prozent«: »Dann weiß man, was man zu tun hat.« […]

 

8.3.2ß16

Katholische Kirche sichert Juden Solidarität zu
Rabbiner und Kirchenvertreter „tief besorgt“ und mit Kritik an der EU
Nach Auffassung von Rabbinern und Vertretern beider Kirchen nimmt mit den Flüchtlingen auch der Antisemitismus und Fremdenhass zu. Dagegen wollen sie gemeinsam vorgehen.

Rabbiner und Vertreter der beiden großen Kirchen wollen Fremdenhass und Antisemitismus gemeinsam entgegentreten. Sie seien „tief besorgt“ über die Zunahme fremdenfeindlicher Gewalt in den vergangenen Monaten, erklärten die Deutsche Bischofskonferenz, die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) und die Allgemeine sowie die Orthodoxe Rabbinerkonferenz am Montag in Hannover. Zugleich würdigten sie bei ihrem Treffen den christlich-jüdischen Dialog.
[…]
Rabbiner Andreas Nachama von der Allgemeinen Rabbinerkonferenz wandte sich gegen jede Form von Diskriminierung: „Juden sind ein Teil Europas. Antisemitismus hat hier sowenig Platz wie antiislamische Vorurteile.“ Ebenso fragwürdig sei es, „Flüchtenden von heute, die aus arabischsprachigen Ländern kommen, eben mal so generell Antisemitismus oder anti-christliche Haltungen zu unterstellen“. Rabbiner Arie Folger von der Orthodoxen Rabbinerkonferenz betonte „die grundsätzliche Würde aller Menschen“. Diese dürfe nicht vergessen werden. […]

07.03.2016
Christen und Juden vereint gegen Fremdenhass
Kirchenvertreter und Rabbiner besorgt über fremdenfeindliche Gewalt

Rabbiner und Vertreter der beiden großen Kirchen wollen Fremdenhass und Antisemitismus gemeinsam entgegentreten. Sie seien "tief besorgt" über die Zunahme fremdenfeindlicher Gewalt in den vergangenen Monaten, erklärten die Deutsche Bischofskonferenz, die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) und die Allgemeine sowie die Orthodoxe Rabbinerkonferenz am Montag in Hannover. Zugleich würdigten sie bei ihrem Treffen den christlich-jüdischen Dialog. […]
Rabbiner Andreas Nachama von der Allgemeinen Rabbinerkonferenz wandte sich gegen jede Form von Diskriminierung: "Juden sind ein Teil Europas. Antisemitismus hat hier sowenig Platz wie antiislamische Vorurteile." Ebenso fragwürdig sei es, "Flüchtenden von heute, die aus arabischsprachigen Ländern kommen, eben mal so generell Antisemitismus oder anti-christliche Haltungen zu unterstellen". Rabbiner Arie Folger von der Orthodoxen Rabbinerkonferenz wies auf "die grundsätzliche Würde aller Menschen" hin. Diese dürfe nicht vergessen werden. […]


1.3.2016
Berlin
Drei Religionen, ein Haus
Kirche, Moschee, Synagoge – alles unter einem Dach. House of One heißt das Mehrreligionenhaus, das im Zentrum Berlins entsteht. Eigentlich sollte in diesem Jahr mit dem Bau begonnen werden, doch es fehlt Geld. Die Initiatoren kämpfen jetzt erst recht für ihren interreligiösen Dialog aus Stein.
Von Carsten Dippel

"Jeder wird in seinem Gebetsraum, seiner Tradition folgend, seinen Weg zu Gott finden. Daneben wird es das geben, was ich an so einem Haus eben auch sehr wichtig finde: Es wird nicht nur gebetet, sondern auch gelehrt werden. Das heißt, wir gucken uns untereinander die verschiedenen Traditionen an. Aber wir öffnen das auch zur Stadt hin. Also jeder, der interessiert ist, die unterschiedlichen Wege zu Gott, die unterschiedlichen Traditionen auch in Details kennenzulernen, wird dazu die Möglichkeit haben"
Sagt Rabbiner Andreas Nachama.
[…]
Im Verein treffen eine evangelische Gemeinde, ein islamischer Verein und eine liberale jüdische Gemeinde aufeinander. Wer soll die Räume später einmal nutzen? Nach welcher religiösen Ausrichtung, welchem Ritus folgend? Rabbiner Nachama weiß um die Schwierigkeiten und Diskussionen.
"Wir betreten hier Neuland und es ist eben nicht so, dass irgendeiner von uns mal eben hier das Kaninchen aus dem Ärmel herauszieht und sagt, da ist der Zaubertrick, hier ist es gelöst. Sondern wir wissen, da gibt es eine ganze Reihe von Dingen, die schwierig sind. Und gerade, weil es so ist, gehen wir diesen Weg gemeinsam und gehen uns nicht aus dem Weg, wenn es schwierig wird, sondern versuchen darüber zu sprechen. Also wir machen das bewusst offen. Nicht nur offen zwischen uns, sondern auch offen in der jeweiligen Tradition und hoffen einfach, damit Personen in jeder Glaubensgemeinschaft anzusprechen, die sonst vielleicht durch das, was hier am Ort schon vorhanden ist, nicht angesprochen werden."
[…]
Für Rabbiner Andreas Nachama ist die entscheidende Frage nicht das Trennende, sondern die Suche nach Berührungspunkten.
"Wir gehen jetzt hier gemeinsam in ein großes, auf Dauer angelegtes Projekt. Das heißt jetzt nicht, dass wir alle Probleme, die es zwischen den Religionen gibt, lösen werden. Aber wir werden vielleicht einen Schritt vorankommen in unserer Zeit. Und die nächste Generation wird vielleicht darauf aufbauen können und noch ein paar Schritte vorankommen. Das ist das, was wir wollen: Jeder bleibt in seiner Tradition, jeder hat seinen Gebetsraum und doch, wir leben in einer Gesellschaft. Wir beten zum gleichen Gott und daraus ergeben sich dann einfach Chancen, Möglichkeiten und aber auch Fragen."
[…]

27.01.2016
Das Gnadengesuch von Adolf Eichmann Ein Dokument des Leugnens - und der Erinnerung
Christian Böhme, Lissy Kaufmann, Claudia von Salzen

Israel hat an diesem Mittwoch, dem Holocaust-Gedenktag, Adolf Eichmanns Gnadengesuch aus dem Jahr 1962 veröffentlicht. Was bedeutet das? Fragen und Antworten zum Thema.

[…]Ändert das Schreiben [mit Eichmanns Gnadengesuch] etwas an der Beurteilung der Rolle Eichmanns?

Nein, da sind sich die Historiker einig. Eichmann hatte stets betont – wie andere NS-Täter auch – er habe nur Befehle befolgt und sei damit unschuldig. Die Verantwortung für den Holocaust trage allein die Nazi-Führung. Es existieren jedoch auch Zeugnisse, die belegen, dass sich Eichmann seiner Beteiligung am Völkermord brüstete. Darauf verweist Andreas Nachama. Eichmanns Bedeutung beschreibt der Direktor der „Topographie des Terrors“ in Berlin denn auch so: „Das große Getriebe läuft nur, wenn die kleinen Rädchen ihm Schwung geben.“ [ …]

 

10. Januar 2016
Drei Religionen. Ein Haus.
An der Wiege Berlins, auf dem Petriplatz. soll ein Friedenszentrum für Juden, Christen, Muslime und die Stadt entstehen
Sibylle Sterzik
[...] Durch dialog und Diskurswill das Huse of One ein friedvolles Miteinander der Religionen fördern. "Wir bauen ein Haus des Frieddens für alle Menschen und geben uns die Hand," so erklärt Rabbiner Andreas nachama, Nachfolger von Rabbiner Ben Chorin im Vorstand, das Anliegen. [...]
Noch ist der Petriplatz an der Fischerinsel ein trister Ort. Wer hier nicht baut, macht einen großen Bogen darum. Zum Friedensgebet haben sich trotzdem über 100 Besucher eingefunden. Auf einer Art Plateau in der Mitte der Baugrube stehen Imam Kadir Sanci, Rabbiner Andreas Nachama und Pfarrer Gregor Hohberg. Abwechselnd trägt einer der Geistlicheneinen jüdischen oder christlichen Friedenstext oder einen aus dem Koran vor, sprcht oder singt ein Gebet. Mal auf Arabisch oder Hebräisch, dann wieder auf Deutsch. [...] "Glauben heißt, seine Stimme zu erheben für den Frieden," sagt Pfarrer Hohberg. Rabbiner Nachama zitiert angesichts von Gewalt und Terror die Vision des biblischen Friedenspropheten Micha: "Sie werden ihre schwerter zu Sicheln machen." [...]

 

| 7.Januar 2016
Es ist wieder da
Nach 70 Jahren wird »Mein Kampf« neu aufgelegt. Womit nun zu rechnen ist
Andreas Nachama
Zwei Bücher, die unterschiedlicher nicht sein könnten, haben in diesen Tagen das Copyright verloren, denn ihre Autoren sind nun 70 Jahre tot: Adolf Hitlers Mein Kampf und das Anne Frank Tagebuch . Beide Bücher werden im Netz und in nicht autorisierten Neudrucken eine Karriere machen. Während der gut geschriebene Bericht von Anne Frank eindrucksvolle Einblicke in die Lebens- und Gefühlswelt eines Opfers des nationalsozialistischen Terrors gibt, stellt Mein Kampf die hasserfüllte Gedankenwelt eines Politverbrechers dar, die sich auch wegen der verschwurbelten Sprache des Autors nur schwer lesen lässt.

Eine Leseprobe zur »Raumfrage« aus dem ersten Band von Mein Kampf , der in der Landsberger Haft entstand: »Englands Geneigtheit zu gewinnen, durfte dann aber kein Opfer zu groß sein. Es war auf Kolonien und Seegeltung zu verzichten, der britischen Industrie aber die Konkurrenz zu ersparen.« Was steht da eigentlich? Man kann ungefähr erahnen, dass es wohl darum ging, England durch Verzichtsgesten sowohl zu See als auch im internationalen Handel als Bündnispartner zu gewinnen.

Rassenwahn
Und dann verbindet sich in diesem kruden Denken illusionäre Raumpolitik mit blindem Rassenwahn: »Das Riesenreich im Osten (gemeint ist die Sowjetunion) ist reif für den Zusammenbruch. Und das Ende der Judenherrschaft in Russland wird das Ende Russlands als Staat sein. Wir sind vom Schicksal ausersehen, Zeugen einer Katastrophe zu werden, die die gewaltigste Bestätigung für die Richtigkeit der völkischen Rassentheorie sein wird.«

Wer kann mit solchen »Einsichten« denn heute etwas anfangen? Wer könnte oder wollte damit heute politische Werbung machen? 780 Seiten – nur wenige werden sie wirklich gelesen haben, und auch heute steht nicht zu befürchten, dass sich viel das antun werden. Und Gewinn für eine Naziideologie in unserer Zeit wird man aus dem Buch auch nicht ziehen können.

Nun ist Mein Kampf also wieder im Buchhandel erhältlich. Es erscheint eine vom Institut für Zeitgeschichte, der bedeutendsten deutschen Forschungseinrichtung für Geschichte des 20. Jahrhunderts, kommentierte Fassung. Zwar gab es vorher bereits kommentierte Teileditionen oder Monografien wie die von Sven Felix Kellerhoff, die »die Karriere eines Buches« dokumentierten, aber der ganze Unsinn des Hitler-Textes war so ohne Weiteres nicht greifbar. Klar, wir Historiker konnten für wissenschaftliche Zwecke in Bibliotheken oder Archiven immer schon das Machwerk lesen oder auswerten, und es gab in Trödelläden oder auch bei einschlägigen Versandhäusern für wenig Geld eine Originalausgabe. Warum also dann ein solcher Hype um das Buch? Oder anders gefragt, wenn alles so historisch und abgeklärt ist, warum wird es dann als eine so große Bedrohung angesehen?

Bekenntnisschrift
Kellerhoff stellt fest, dass auf den 780 Seiten circa 600 Wendungen zu finden sind, die von »Judenhass« getrieben waren. Weiter stellt er fest, dass diese judenfeindlichen Ausfälle durch Argumente wohl widerlegt werden können, in ihrer antisemitischen Wirksamkeit jedoch durch kein Argument eingeschränkt werden konnten. Und darin liegt das eigentliche Problem dieses Textes. Er ist – wie die Protokolle der Weisen von Zion – eine Bekenntnisschrift der Antisemiten. Und die wird auch der beste Kommentar des Instituts für Zeitgeschichte nicht erreichen.

Vor dem Hintergrund eines zunehmend stärker in der Mitte der Gesellschaft ankommenden Antisemitismus (»Ich bin kein Antisemit, aber das wird man doch noch sagen dürfen ...«), vor dem Hintergrund eines sich zunehmend militant gebärdenden Rassismus und eines aus dem Nahen Osten importierten neuen Antisemitismus ist der Symbolgehalt der Verfügbarkeit dieser Hetzschrift groß.

Schoa
Insofern wiegt die Einschätzung des Zentralrats der Juden schwer, der vor unkommentierten Ausgaben warnt und fordert, dass die Strafverfolgungsbehörden mit aller Konsequenz gegen die Verbreitung und den Verkauf des Buches vorgehen sollen. Nach dem Auslaufen des Urheberrechts sei die Gefahr sehr groß, dass dieses Machwerk verstärkt auf den Markt gebracht wird. Spricht man mit Überlebenden der Schoa, dann ist die meistgehörte Antwort die bittere Klage darüber, dass man die Neupublikation dieses antisemitischen Buches miterleben müsse.

Am Ende des ersten Quartals wird man eine erste Bilanz ziehen können, wie die deutsche Öffentlichkeit, wie internationale Stimmen und wie der Kommentar des Instituts für Zeitgeschichte einzuschätzen sind. Als Historiker bin ich davon überzeugt, dass mit diesem alten Hut kein neuer Antisemitismus, Rassismus oder gar Militarismus beflügelt werden kann, als Rabbiner weiß ich, dass einige gerade derjenigen, die am meisten unter dem NS-Terror gelitten haben, große Angst oder Sorge wegen der Hitlerhetzschrift haben. Das ist schlimm genug.

Der Autor ist Rabbiner in Berlin und Direktor der Stiftung Topographie des Terrors.


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