Tagebuch

21. Dezember 2007

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Andreas Nachama,geschäftsführender Direktor der Stiftung Topographie des Terrors,fordert NPD-Verbot
Berlin (ots) - Für ein Verbot der NPD hat sich nachdrücklich Andreas Nachama, geschäftsführender Direktor der Stiftung Topographie des Terrors, gegenüber der Zeitung Neues Deutschland (Freitagausgabe) ausgesprochen. Rassismus, Ausländerfeindlichkeit und Antisemitismus würden sonst "gewissermaßen mit staatlichen Geldern sanktioniert".   Am Ende werde diese Partei "allein dadurch, dass sie existiert, auch mit einem gewissen staatlichen Gütesiegel versehen".  Freiheiten für Parteien "sehe ich dort limitiert, wo sie sich gegen die Existenz dieses Staates und seine Grundlagen, wie sie im Grundgesetz selbst formuliert sind, selbst richten".

»Der Gefahr sind alle ausgesetzt«
Rabbiner Andreas Nachama: Der Staat hat die NPD faktisch mit einem Gütesiegel versehen, das durch ein Verbot beseitigt würde
Interview: Rainer Funke, Klaus J. Herrmann
Rabbiner Andreas Nachama, geboren 1951 in Berlin, ist seit 1994 geschäftsführender Direktor der Stiftung Topographie des Terrors in der Hauptstadt. Von 1972 bis 1976 studierte er an der Freien Universität Geschichte und Judaistik, promovierte ebenda 1981 zum Thema »Ersatzbürger und Staatsbildung«. 2005 wurde er zum Professor am Lander Institute for Communication about the Holocaust and Tolerance am Touro College Berlin/New York berufen und hat sich als Buchautor und Publizist einen Namen gemacht. Nachama war von 1997 bis 2001 Vorstandsvorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Er ist verheiratet und Vater zweier Kinder.
ND: Nach langem Vorlauf wird die Topographie des Terrors nun gebaut. Mitten in Berlin, im einstmaligen Zentrum des Bösen, wo die Führungscrews des NS-Terrors agierten, soll ein Lernort entstehen, keine Gedenkstätte. Der Bagger ist aufgefahren – wie fühlen Sie sich?
Andreas Nachama: Gut. In einer kurzen Zeit nach dem Beschluss, das andere Bauprojekt nicht mehr zu verfolgen, ist es gelungen, sich noch einmal über das inhaltliche Profil der Topographie zu verständigen. Knapp zwölf Monate nach den öffentlichen Hearings wurde eine überlegte und fundierte Ausschreibung zustande gebracht, ein halbes Jahr später ein inzwischen detailliertes Ergebnis. Erstmals habe ich das Gefühl, dass es sich um ein sorgfältig bedachtes und realistisches Bauprojekt handelt.
Nach 20-jähriger Vorgeschichte haben Sie jetzt keine Zweifel mehr?
Doch. Wenn mir der Gedanke kommt, dass wir schon einmal eine Baugrube ausgehoben haben. Bis jetzt ist alles ein Dejá vu-Erlebnis – mit Ausnahme dieser Sorgfalt beim Erarbeiten der Pläne. Wirklich neu wäre für uns ein Richtfest.
Zur Topographie gehört eine Botschaft. Hat sie sich in irgendeiner Weise verändert in der Zeit, in der über den Bau nachgedacht worden ist?
Die Botschaft ist immer die gleiche geblieben. Es geht eben nicht wie beim Jüdischen Museum oder beim Holocaust-Mahnmal zuerst darum, der Opfer zu gedenken. Wir wollen vielmehr am Ort der Täter zeigen, was von Berlin ausgegangen ist und wie das geschehen konnte. Und wie es möglich war, in der Weimarer Republik ab 30. Januar 1933 in 100 bis 150 Tagen nahezu alle demokratischen Institutionen aus- bzw. gleichzuschalten.
Wir zeigen Strukturen des Geheimen Staatspolizeiamtes, wollen offenlegen, was hier intern passierte – etwa der Mord an den Kranken. Wie war es möglich, dass mit einem Mal das, was 1789 erstritten worden ist, nämlich das gleiche Recht für alle vor dem Gesetz, zerbröselt und zerfallen ist und keiner mehr davon redete? So haben wir das seit 1987 gesehen, als die Topographie eingerichtet wurde. Das geriet durch die unendliche Baudiskussion und die Architektur in den Hintergrund.
In der Topographie geht es darum, was und wie es war. Wie oft sehen Sie dabei im Gestern das Heute – Stichwort NPD?
Vergleiche liegen nahe. Es gibt ja Analysen darüber, in welchem sozialen Umfeld die NSDAP in Bedeutung, Mitgliederzahl oder Machtzuwachs explodiert ist. Da kommt man rasch auf Weltwirtschaftskrise, ausufernde Arbeitslosigkeit, ungesicherte persönliche Verhältnisse.
Das sollte an sich kein Grund dafür sein, die demokratische Gesinnung abzugeben. Aber natürlich hat die soziale Verfassung nicht wenig mit der politischen Verfassung eines Landes zu tun.
Wo sehen Sie Vergleichbares?
Es erscheint charakteristisch, dass in einer Zeit, in der sehr zu Recht über Gerechtigkeit in Politik, Sozialsicherungssystemen und Gesellschaft gestritten wird, braune Rattenfänger mehr Zulauf bekommen. Es handelt sich keineswegs um einen Zufall, dass mit dem Grundgesetz der Bundesrepublik und in dem Sinne auch mit der Verfassung der DDR – übrigens ebenso in ihrer Verfasstheit – versucht wurde, einen gewissen sozialen Ausgleich, soziale Gerechtigkeit herzustellen.
Sie meinen, dass heutzutage die Globalisierung unakzeptable soziale Verwerfungen mit sich bringt.
Natürlich. Klar ist, dass man Antworten, die man für die damalige Gesellschaft leicht findet, nicht eins zu eins in die Gegenwart übertragen kann. Würde das möglich sein, wäre Geschichte wiederholbar und damit nicht Geschichte, sondern Soziologie oder irgendwas anderes.
Wie aber ist es nun möglich, dass nach alldem, was war, noch einmal aus Geist und Asche der verbotenen NSDAP eine NPD wachsen konnte?
So lange nicht das gleiche in den Satzungen steht, gehen unsere Rechtssysteme davon aus, dass es keine personelle Kontinuität gibt, das eine und das andere nicht das Gleiche ist. Das macht die Sache schwierig, das prägte auch die Weimarer Republik. Da gab es Richter, die auf dem rechten Auge blind waren oder blind sein wollten, aber es gab auch eine ähnliche positivistische Debatte. Zu wenig berücksichtigt wird wohl auch, dass die Identifikation der Bürger mit dieser Bundesrepublik zu wünschen übrig lässt.
Meinen Sie eine Art mangelndes Nationalgefühl, fehlenden Stolz oder dergleichen?
Gar nicht, nein. Aber man identifiziert sich mit einem Staat, in dem man sich wohlfühlt, in dem man aufgehoben ist. Das geschieht, wenn man weiß, dass man sein Auskommen hat, soziale und andere Formen der Gerechtigkeit erstrebt und gelebt werden. Eine solche Gesellschaft kann es – weil stets unvollkommen – zwar nur theoretisch geben. Aber das ist ein äußerst wichtiger Punkt. Wenn der Staat die Sozialhilfe Hartz IV nach einem benennt, der Lustreisen von Leuten aus Chefetagen oder knapp darunter finanziert hat, dann ist das der falsche Begriff. Die Verpackung ist auch ein Teil der Wirklichkeit. Hier sind Dinge aus dem Lot geraten. Die Ergebnisse sieht man in Erscheinungen wie rechtsradikalen Parteien, auch in der Verwahrlosung Einzelner, die dann zuschlagen.
Derzeit wird viel über Gewalt geredet, über umgebrachte Kinder, Sauforgien von Schülern. Sehen Sie Zusammenhänge?
Dass Kinder durch Eltern oder Kinderschänder zu Tode kommen, wird keine Gesellschaft ausschließen können. Aber es handelt sich nicht um Einzelfälle. Und deshalb haben wir es mit einem Abbild unserer Gesellschaft zu tun. Willy Brandt hat einmal so schön gesagt: »Die Schule ist die Schule der Nation.« Aber wenn die Schule nicht mehr richtig funktioniert, wenn ihre Absolventen weder eine Lehrstelle noch einen Job noch die Voraussetzung haben, eine eigene Familie zu gründen und zu betreuen, dann sind die Defizite in den sozialen Systemen nicht zu übersehen. Hier sind Baustellen, auf denen man etwas tun muss.
Sie haben von Verwahrlosung in einem sehr konkreten Zusammenhang gesprochen. Meinen Sie damit auch eine Art geistige oder moralische Verwahrlosung?
Ich nenne es eine gewisse geistige Armseligkeit unserer Zeit. Sie besteht darin, dass die Gesellschaft sich zu übergreifenden Zielen nicht zu bekennen vermag. Die Lehren, die man aus dem Dritten Reich zu ziehen gedachte, sind an diesem Lernort Topographie verinnerlicht.
Wenn jemand für den Eintritt in ein Theater Geld nehmen will, weil das Entertainment ist, dann ist das okay. Doch es ist ein Unterschied zwischen Disneyland und Orten politischer Bildung. Wer für eine Gedenkstätte oder einen Lernort wie die Topographie des Terrors Eintrittsgeld erheben möchte, hat manches nicht begriffen. Insbesondere nicht, dass diese Gesellschaft auf der Erkenntnis fußt, dass die braune Vergangenheit sich nicht wiederholen darf.
Sie treten vehement für ein NPD-Verbot ein.
Ein Staat sollte Parteien und politischen Vereinigungen, auch Stiftungen größtmögliche Freiheiten geben. Aber diese Freiheiten sehe ich dort limitiert, wo sie sich gegen die Existenz dieses Staates und seine Grundlagen, wie sie im Grundgesetz formuliert sind, selbst richten. Lässt man solche Strukturen gewähren, gestattet man, dass sie an dem Ast sägen, auf dem gewissermaßen die Gesellschaft sitzt.
Wenn NPD-Funktionäre sagen, das Dritte Reich lebe fort und all das, was wir jetzt hier haben, wäre ein Scheingebilde, halte ich das für inakzeptabel. Wenn jemand so denken will, dann mag er das tun. Soetwas muss aber nicht staatlich subventioniert und durch das Parteienprivileg geschützt werden. Verbietet man solche Strukturen, nimmt man diesen Leuten auch einen Teil der Grundlage, die sie am Ende benutzen, um den Staat selbst zu zerstören.
Entschiedene Gegner der NPD meinen, man sollte sie nicht verbieten, weil damit Gewalt, Hass und geistiger Unrat nicht verschwinden würden. Führt in diesem Sinne ein Verbot zu einer Selbsttäuschung, die unter Umständen Nichtstun befördert?
Das sehe ich nicht so. Die völlig inakzeptablen gesellschaftlichen Erscheinungen wie Rassismus, Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus werden gewissermaßen mit staatlichen Geldern sanktioniert. Am Ende wird diese Partei allein dadurch, dass sie existiert, auch mit einem gewissen staatlichen Gütesiegel versehen.
Wenn man ein Verbot durchsetzen würde, bedeutet dies am Ende auch, dass diesen misslichen Erscheinungen ein kleiner Riegel vorgeschoben werden würde. Damit wäre es natürlich nicht getan. Es gibt schließlich auch außerhalb der NPD absurdes braunes Gedankengut. Das muss man an anderen Stellen und mit anderen Mitteln bekämpfen. Es geht um Verbot, um Protest auf der Straße und um die politische Auseinandersetzung zugleich.
Was entgegnen Sie jenen, die sagen, man solle die NPD nicht verbieten, weil dann zu befürchten wäre, dass das Bundesverfassungsgericht wieder Nein sagt und die NPD daraus stärker hervorgehen würde als je zuvor?
Das Bundesverfassungsgericht hat nicht gesagt, dass die NPD eine nicht zu verbietende Partei sei, sondern es hat bemängelt, dass die vorgelegten Beweise größtenteils durch V-Leute der Verfassungsschutzämter beschafft wurden. Mit gutem Grunde könnte vermutet werden, dass die Grenze zum Agent Provocateure überschritten wurde.
Wie auch immer. Die Beweise müssen natürlich beschafft werden.
Wir haben tatsächlich ein Problem, wenn diese großen Geheimdienst-Apparate nicht in der Lage sind, außerhalb von solchen Strukturen Beweise zu sichern und zu erheben. Wenn es so wäre, müssten wir danach fragen, ob wir solche Verfassungsschutzämter überhaupt benötigen oder ob sie nicht anders organisiert, anders aufgebaut sein müssten. Ich kann nicht so recht glauben, dass der Undercover-Einsatz der einzige Weg ist. Es ärgert mich schon genug, dass bei diesem Thema staatliche Strukturen an der Grenze des Versagens handeln.
Es gibt aber doch eine deutsche Geschichte. Aus der erwachsen – abgesehen von Verträgen und Abkommen – auch moralische Verpflichtungen. Solche Parteien hätten nicht wieder zugelassen werden dürfen, ein Verbot ist ja nur Ultima Ratio.
Es gab in den 50er Jahren mehrere nationalsozialistische Parteigründungsversuche und eine Reihe von Aktivitäten, die sich mühten, direkt dort anzuknüpfen, wo der 8. Mai 1945 einen Schlusspunkt gesetzt hatte.
Die NPD hat sich dann aber 1964 gegründet. Das war in einer Phase, als man bereits wieder eine etwas sozialere Politik betrieb. Man hat also darauf mit Gesellschaftspolitik geantwortet.
Im Zusammenhang mit den gegenwärtigen Debatten um den Sozialabbau fällt übrigens auf, dass man gar nicht den Versuch unternommen hat, diejenigen Bürger, die aus der DDR stammen, wirklich ankommen zu lassen. Ergebnis sind hohe Arbeitslosenzahlen, Perspektivlosigkeit in ganzen Landstrichen, fehlende Strukturpolitik für Bundesländer wie Mecklenburg-Vorpommern oder Brandenburg. Jugend zieht weg, mit all den Konsequenzen – Schulen werden geschlossen. Wo aber Schulen geschlossen werden, stirbt wieder etwas Perspektive.
Die Vereinigung ist bald 20 Jahre her. Dafür ist der Unterschied noch immer zu groß. Wenn man sich dann nicht identifizieren kann mit dem Sozialsystem, dann identifiziert man sich möglicherweise mit nationalistischen Symbolen. Das macht die Situation objektiv nicht besser, aber wenigstens kann man sich dann subjektiv einbilden, stolz drauf zu sein.
Sehen Sie im Landesosten deshalb eine größere Gefahr?
Nein. Der Gefahr sind alle ausgesetzt.


20. Dezember 2007

Alltags tauglich
Was die Zehn Gebote heute bedeuten und warum Christen sie etwas anders wahrnehmen
Rabbiner Andreas Nachama

Die Zehn Gebote gelten für Juden und Christen gleichermaßen. Doch werden sie unterschiedlich wahrgenommen. Das beginnt schon mit der Zählung: Im Judentum gibt es im Vergleich zum Christentum ein gesondertes zweites Gebot, nämlich sich von Gott kein Bildnis zu machen. In der Bildhaftigkeit besteht ein starker Unterschied, insbesondere zwischen katholischen Christen und Juden. So ist in keiner Synagoge ein Bild Gottes zu finden. In der Sixtinischen Kapelle dagegen gibt es Abbildungen von Gott als altem Herrn.

Ein Unterschied liegt auch in dem Gebot, man solle nicht den Namen Gottes unnütz aussprechen, ihn nicht missbrauchen. Im Judentum wird daraus abgeleitet, auch das Wort Gott, also „Jud-Hey-Waw- Hey“ außerhalb der Bibel oder biblischen Zitaten nicht auszuschreiben. Als ich vor Kurzem gemeinsam mit einem Imam und einer protestantischen Pastorin in einer Kirche die Abrahamsgeschichte erklärte, legte die protestantische Kollegin fotokopierte Texte vor, während der Imam und ich Powerpoint-Präsentationen mitbrachten – eingedenk dessen, nicht Gottesnamen auf den Fotokopien, die nach der Veranstaltung achtlos weggeworfen werden, zu verteilen. Powerpoint ist der moderne Analogieschluss des Gebots, Gottes Namen nicht zu missbrauchen, denn wenn ich den Computer ausmache, ist alles weg, ohne achtlos entsorgt zu werden.

Wir hören die Gebote dreimal im Jahr in der Synagoge – stehend, als wären wir selbst am Berg Sinai. Das ist die Gelegenheit für die Gemeinden, die Gebote mit ihren Rabbinern zu studieren und auf ihre Alltagstauglichkeit zu prüfen. Schließlich sind die Zehn Gebote die Eckdaten, um das Zusammenleben zu regulieren. Zwar sind sie normativ. Weil sich die Gesellschaft aber ständig verändert, muss man darüber nachdenken, was die Norm ist.

Die Gebote regen zur Debatte an: Wo stehe ich, was bedeuten die Gebote? Wie jeder Satz in der Bibel müssen auch die Zehn Gebote aktualisiert werden. In der Synagoge interpretieren wir die Gebote und ordnen sie in den gesellschaftlichen Kontext ein. Das aber ist nichts spezifisch Jüdisches.

Die Gebote sind Grundsätze menschlichen Zusammenlebens. Sie haben aber den Vorteil, nur mit zehn Regeln auszukommen, statt mit einer Unzahl von Gesetzen. Wer weiß schon, was im Strafgesetzbuch steht oder gegen welche Bestimmung des Bürgerlichen Gesetzbuches er gerade verstößt?

Das Schabbatgebot und das Gebot der Ehrung der Eltern heben sich nicht nur durch ihre positive Formulierung von den anderen Sätzen des Zehn Gebote ab. Sie allein handeln auch von der Heiligkeit und Besonderheit der Zeit und beziehen damit die Zeit selbst in Israels Grundverfassung ein. Der Schabbat geht auf die Schöpfung zurück. Durch die Heiligung jedes siebenten Tages steht er für das Gleichmaß des Jahres. Die zweite Fassung des Schabbatgebots führt ein anderes Motiv als das der Weltschöpfung an: „Gedenke, dass du Knecht warst im Land Ägypten, dass Er dein Gott dich von dort mit starker Hand, mit gestrecktem Arm ausgeführt hat: deshalb gebot dir Er dein Gott, den Tag der Feier zu machen“ (5. Buch Moses 5,15). Entsprechend forderten die Weisen, in jedem Kiddusch – dem Segen über den Wein zur Heiligung des Schabbats und der Festtage – auch die Befreiung aus der Versklavung zu erwähnen.

Es gibt in unserem Alltag immer wieder Dinge, über die man gar nicht mehr nachdenkt, weil unser Alltag in Unschärfe abgleitet, der Alltag so ist, dass man einige Grundsätze gar nicht mehr respektiert.

Zum Beispiel das Gebot ,Du sollst nicht stehlen‘. Wenn man heute in ein Hotelzimmer geht, liegt dort meistens ein Bleistift und ein Block. Ist es Diebstahl, wenn ich das mitnehme? Wo fängt Diebstahl an, wo hört er auf? Die Gebote regen dazu an, über Punkte nachzudenken, über die man sich im Alltag gar nicht mehr Gedanken macht. Das Gebot hilft uns, daran zu erinnern, dass Eigentum zu respektieren ist.

Oder das Gebot ,Du sollst nicht ehebrechen‘. Es gibt jüdische Interpretationen, die meinen, dass sich die Monogamie nur auf eine Rechtsverordnung von Rabbi Gerschom aus dem 12. Jahrhundert bezieht. Demzufolge dürfe der jüdische Ehemann seine Frau durch Kebsfrauen „entlasten“, solange diese selbst nicht verheiratet sind. Ist das heute noch eine gültige Form des Verständnisses dieses Gebots? „Du sollst nicht ehebrechen“ heißt natürlich heute nicht mehr, dass man lebenslang mit einem Menschen zusammenleben muss, aber das Gebot sagt einem, dass man seinen Partner nicht hintergehen soll.

Das Gebot der Ehrung der Eltern dagegen macht die Verantwortung des Einzelnen für die offene Folge der Generationen bewusst: „Damit sich längern deine Tage auf dem Ackerboden, den Er dein Gott dir gab“ (2. Buch Moses 20,12). Hier wird deutlich, wie die Einhaltung dieser zehn (wie aller 613) Ge- und Verbote wirkt: lebensverlängernd. Wichtig ist in jedem Fall, dass man die Gebote als Bestandteil des täglichen Lebens versteht, in dem Sinne, dass ich mich so verhalte, dass ich mir morgens beim Rasieren in die Augen gucken kann.


7.Dezember 2007

Auf Missionsreise in Berlin
Eine amerikanische Organisation will Juden zum Christentum bekehren Rabbiner Nachama sagt über die Kampagne: „Das ist klassischer Antijudaismus“
Johannes Boie

[…]Potenziell Missionierungswilligen wird suggeriert, sie könnten ihre Religion ändern, ohne ihre kulturelle Identität als Jude zu verlieren. Der Berliner Rabbiner Andreas Nachama hält das für „Blödsinn“: „Aus der Sichtweise von in jüdischen Strukturen organisiertem Judentum schließt es sich schlicht aus, an Jesus zu glauben und Jude zu sein“, sagt er.

Die zukünftige Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Berlin, Lala Süsskind, ist sich indessen sicher, dass die Mitglieder der Gemeinde „klug genug sind, auf so was nicht reinzufallen.“ Rabbiner Nachama findet noch deutlichere Worte: „Das ist klassischer Antijudaismus“, sagt er.


3. Dezember 2007

Bedeutung
Gebote sind Grundsätze menschlichen Zusammenlebens
Katrin Schoelkopf

Andreas Nachama ist geschäftsführender Direktor der „Topographie des Terrors" in Berlin, Historiker und Religionswissenschaftler und Professor am Touro College Berlin. Der Rabbiner einer Synagoge im Berliner Bezirk Steglitz-Zehlendorf über die Zehn Gebote im Judentum.

"Wichtig ist, dass man die Gebote als Bestandteil des täglichen Lebens versteht, in dem Sinne, dass ich mich so verhalte, dass ich mir morgens beim Rasieren in die Augen gucken kann", sagt Andreas Nachama
Foto: dpa

WELT ONLINE: Die Zehn Gebote gelten für Christen und Juden. Gleichermaßen – oder gibt
Andreas Nachama: Ein markanter Unterschied liegt in der Zählung der Gebote. Im Judentum gibt es im Vergleich zum Christentum ein gesondertes zweites Gebot. Das betrifft das Verbot, sich von Gott ein Bildnis zu machen. In der Bildhaftigkeit besteht ein starker Unterschied zwischen katholischen Christen und Juden. So werden Sie in keiner Synagoge ein Bild Gottes finden. In der Sixtinischen Kapelle dagegen gibt es Abbildungen von Gott, zum Beispiel als alter Mann. Ein Unterschied liegt aus meiner Sicht auch in dem Gebot, man solle nicht den Namen Gottes unnütz aussprechen, den Namen nicht missbrauchen. Im Judentum wird daraus abgeleitet, auch das Wort „Gott“ nicht auszuschreiben.
WELT ONLINE: Nennen Sie ein Beispiel.
Nachama: Ich hatte vor einigen Tagen gemeinsam mit einem Imam in einer evangelischen Kirche eine Veranstaltung. Während die Christen fotokopierte Texte mitbrachten, haben der Imam und ich Powerpoint-Präsentationen mitgebracht – eingedenk dessen, nicht den gedruckten Gottesnamen umherzustreuen. Powerpoint ist der moderne Analogieschluss des Gebots, Gottes Namen nicht zu missbrauchen, denn wenn ich den Computer ausmache, ist alles weg.
WELT ONLINE: Welche Bedeutung haben denn die Gebote für das Judentum heute?
Nachama: Wir lesen die Gebote dreimal im Jahr. Da gibt es die Gelegenheit, die Gebote zu studieren und auf ihre Alltagstauglichkeit zu prüfen. Schließlich sind die Zehn Gebote Eckdaten, um das Zusammenleben zu regulieren.
WELT ONLINE: Sie sind also nicht als wortwörtliche Vorschrift zu verstehen, sondern Mittel zur Reflexion?
Nachama: Sie sind schon normativ. Weil sich die Gesellschaft aber verändert, muss man darüber nachdenken, was die Norm ist. Die Gebote regen zur Debatte an: Wo stehe ich, was bedeuten die Gebote?
WELT ONLINE: Sie haben also eine aktuelle Bedeutung?
Nachama: Wie jeder Satz in der Bibel müssen auch die Zehn Gebote aktualisiert werden. In der Synagoge interpretieren wir die Gebote und ordnen sie in den gesellschaftlichen Kontext ein. Das aber ist nichts spezifisch Jüdisches. Die Gebote sind Grundsätze menschlichen Zusammenlebens.
WELT ONLINE: Also auch als Lebenshilfe und Orientierung zu verstehen?
Nachama: Es ist in der Tat sinnvoller, mit zehn Regeln zu arbeiten als mit einer Unzahl von Regeln und Gesetzen. Wer weiß schon, was im Bürgerlichen Gesetzbuch steht? Es gibt in unserem Alltag immer wieder Dinge, über die man gar nicht mehr nachdenkt, weil unser Alltag in Unschärfe abgleitet, der Alltag so ist, dass man einige Grundsätze gar nicht mehr respektiert.
WELT ONLINE: Zum Beispiel?
Nachama: Zum Beispiel das Gebot „Du sollst nicht stehlen“. Wenn man heute in ein Hotelzimmer geht, liegen dort meistens ein Bleistift und ein Block. Ist es Diebstahl, wenn ich das mitnehme? Wo fängt Diebstahl an, wo hört er auf? Die Gebote regen dazu an, über Punkte nachzudenken, über die man sich im Alltag gar nicht mehr Gedanken macht. Das Gebot hilft uns, daran zu erinnern, dass Eigentum zu respektieren ist. Oder das Gebot „Du sollst nicht ehebrechen“. Das heißt natürlich heute nicht mehr, dass man lebenslang mit einem Menschen zusammenleben muss, aber ich würde sagen, dass das Gebot einem sagt, dass man seinen Partner nicht hintergehen soll. Wichtig ist in jedem Fall, dass man die Gebote als Bestandteil des täglichen Lebens versteht, in dem Sinne, dass ich mich so verhalte, dass ich mir morgens beim Rasieren in die Augen gucken kann. 

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